Deutsch-französischer Blick: Isabelle Gemehl von der dsj

Michael Schmid

Nach dem Achtelfinale nutzen wir die Gelegenheit, aus deutsch-französischer Perspektive auf das Turnier zu blicken. Dafür haben wir uns mit Isabelle Gemehl unterhalten, die bei der Deutschen Sportjugend in Frankfurt am Main im Bereich der internationalen Jugendarbeit tätig ist. Sie ist Deutsch-Französin, verbindet also das Insiderwissen über Frankreich mit einem Blick von außen.

Hallo Isabelle, stell doch dich und deine Arbeit einmal kurz vor. Wie hat es dich nach Frankfurt verschlagen?

Ich bin halb Französin, halb Deutsche, komme ursprünglich aus Strasbourg und bin 2006 nach Frankfurt gezogen. Im Rahmen meines Sportmanagement-Studiums habe ich damals ein Praktikum bei der Deutschen Sportjugend gemacht. Im Anschluss an mein Praktikum habe ich dort weiter gearbeitet, vor allem im Bereich „Internationalen Beziehungen“. Seit 1,5 Jahren bin ich nun Referentin für internationale Jugendarbeit bei der dsj und vor allem für den deutsch-französischen Jugendaustausch im Sport zuständig. In diesem Rahmen fördern, begleiten und beraten wir Sportvereine und Verbände, die einen Sportaustausch mit einem französischen Partner organisieren.

Da bietet die Europameisterschaft im Nachbarland doch bestimmt perfekte Voraussetzungen. Gibt es in deiner Arbeit Berührungspunkte zur EM in Frankreich?

Natürlich. Großveranstaltungen sind immer ein guter Anlass und Anreiz, um Projekte mit dem anderen Land zu initiieren. So haben wir zum Beispiel im Vorfeld gemeinsam mit meinen Kollegen von der KOS und dem DFJW ein deutsch-französisch-polnisches Netzwerktreffen mit Fanprojekten und Faninitiativen aus den drei Ländern organisiert. Diese Veranstaltung bot die Möglichkeit, Ideen zu entwickeln, Netzwerke und Partnerschaften anzustoßen und sich über die bestehenden Fördermöglichkeiten zu informieren. Während der Vorrunde der EM war ich gemeinsam mit einer Delegation des DFB beim französischen Fußballverband in Paris, auch hier stand dasselbe Ziel im Vordergrund: Menschen aus beiden Ländern in Kontakt zu bringen und über Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu sprechen. Ganz allgemein besteht meine Aufgabe darin, unsere Träger zu informieren, zu beraten und zu ermutigen, Projekte mit französischen Vereinen durchzuführen.

Im Vorfeld der EM wirkte die Situation in Frankreich angespannt. Die Anschläge aus dem Januar und November 2015 sind noch sehr präsent, weiterhin gilt der Ausnahmezustand. Dazu kommen die großen Streiks. Wie nimmst du das wahr?

Ja, das stimmt, die Situation in Frankreich war vor der EM sehr angespannt und die Regierung mit einigen Problemen konfrontiert: Streiks gegen die geplanten Arbeitsmarktreformen, die zu einigem Chaos geführt haben, was etwa den Bahnverkehr oder die Müllabfuhr anging. Dazu noch das heftige Unwetter und die daraus resultierenden Überflutungen und natürlich auch die Ängste vor Terrorismus. Die Anschläge sind ja in den Köpfen noch sehr präsent.

Hast du den Eindruck, die EM und der bisher erfolgreiche Verlauf für die französische Mannschaft konnten davon ein wenig ablenken?

Das ist schwer zu sagen. Einerseits wird viel über die EM gesprochen und berichtet, was zu einer Ablenkung beiträgt. Andererseits gibt es mit den Gewerkschaften weiterhin schwierige Diskussionen über die geplanten Arbeitsmarktreformen. Dazu erinnern die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die starke Polizeipräsenz immer wieder daran, dass die EM in einem Land stattfindet, in dem weiter der Ausnahmezustand gilt. Als ich kürzlich in Paris war, fand ich es auffällig, wie viele Polizisten im Einsatz sind − im Zug, im Bahnhof, auf den Straßen. Nach den Anschlägen des vergangenen Jahres ist die Sicherheit bei der Fußball-EM in Frankreich ein brisantes Thema.

Die Terrorgefahr stand vor der EM auch international im Vordergrund, nun gab es bei den ersten Spielen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Fanlagern und mit der Polizei. Dabei wurde auch das Verhalten der Einsatzkräfte kritisiert. Überrascht dich das? Welchen Ruf hat die Polizei in Frankreich?

Meine persönliche Vermutung ist, dass die Polizei so sehr auf die Terrorgefahr konzentriert war, dass sie mögliche andere Probleme vielleicht vernachlässigt oder unterschätzt hat. Die Polizei hat in Frankreich je nach Situation einen guten oder schlechten Ruf. Letztes Jahr wurden die Polizisten nach den Anschlägen gegen die Redaktion von „Charlie Hebdo“ und den jüdischen Supermarkt als Helden gefeiert. Ein Jahr später werden sie teils stark kritisiert, auch wegen ihres Verhaltens bei den Demonstrationen.

Zum Abschluss möchten wir noch einen Blick auf das sportliche Geschehen werfen. Wer wird Europameister? Und wie weit kommen das französische und das deutsche Team?

Das ist eine gute Frage! Da ich die doppelte Staatbürgerschaft habe, schlägt mein Herz für beide Länder. Ich würde mir ein Finale Frankreich gegen Deutschland wünschen, das ist aber nach dem Spielplan nicht mehr möglich. Also „que le meilleur gagne“, wie man auf Französisch sagt − möge der Beste gewinnen.

Vielen Dank, dass du dir Zeit für uns genommen hast

Mehr Informationen über die Deutsche Sportjugend und das Feld der internationalen Jugendarbeit finden Sie auf den Internetseiten der dsj: www.dsj.de/handlungsfelder/international


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